Die Einteilung in Lerntypen verhindert nachhaltiges Lernen

Wenn du dich mit dem Thema Lernen beschäftigst, sind dir sicherlich schon mal die unterschiedlichen Lerntypen begegnet:
Auditiv, Visuell, haptisch.

Die Hypothese dahinter: Jeder Mensch hat einen präferierten Kanal, über den wir Informationen besser aufnehmen. Nach dieser Hypothese gibt es also Menschen, die sich Informationen besser merken können, wenn sie sie hören, während andere die Informationen unbedingt aufschreiben müssen.
Denk mal einen Moment nach, wie das bei dir ist. Über welchen Sinneskanal nimmst du Informationen am liebsten auf?

Musst du etwas sehen, hören oder tasten/schreiben/greifen, damit es dir im Gedächtnis bleibt?
Von welchen Bedingungen hängt deine Antwort ab? Welche Ausnahmen fallen dir sofort ein?

Lerntypen gibt es nicht

Interessanterweise gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis für Lerntypen. Im Gegenteil: Obwohl es Lerntypentests und jede Menge Literatur dazu gibt, kann man neurobiologisch sogar das Gegenteil beweisen.
Bevor ich darauf eingehe – Woher kommt dann der Mythos Lerntyp?
Im Grunde ist die Bestimmung des Lerntyps eine Antwort auf die Frage, wie sich ein konsumorientiertes Bildungssystem besser umsetzen lässt.
Also, wie können Menschen dazu bewegt werden, sich mit Inhalten zu beschäftigen, hinter denen sie erst einmal keinen Sinn entdecken?
Die Antwort darauf ist recht einfach: Wenn die Information bzw. der Inhalt selbst keine Begeisterung hervorruft, dann doch hoffentlich wenigstens die Art und Weise der Darstellung (denk an die vier Fakten des Hippocampus).

Richtig ist sicherlich, dass jeder Mensch einen präferierten Kanal hat, der zu mehr Begeisterung führt. So wie wir Schokoeis lieber mögen als Vanille.
Nur: Dieser Hebel ist im Hinblick auf den nachhaltigen Lerneffekt verschwindend gering.

Nachhaltiges Lernen ist multisensorisch

Der wichtigste neurobiologische Zusammenhang für nachhaltiges Lernen ist aus meiner Sicht die Hebb’sche Regel:

Neurons that fire together, wire together.

Donald Olding Hebb

Gleichzeitig aktive Neuronen verbinden sich miteinander.
(Um tiefer in das Thema einzusteigen, ist ein Verständnis über die Funktionsweise Mentaler Repräsentationen notwendig. Mehr dazu hier.)

Ein Lernerlebnis wird also umso nachhaltiger und merk-würdiger, je mehr Sinne am Erlebnis beteiligt sind.
Das heißt, die Einschränkung auf nur einen Sinneskanal ist sogar kontraproduktiv für nachhaltiges Lernen.

Moment, darf ich jetzt keinen Podcast mehr hören?

Wenn deine Antwort auf deinen präferierten Sinneskanal vorhin „Zuhören“ war, heißt das noch lange nicht, dass du jetzt damit aufhören solltest.

Aber: Egal in welcher Lerntypenschublade du dich nach eigenem Empfinden befindest, solltest du dir einer Sache bewusst sein.

Du kannst dich natürlich weiterhin zur Informationsaufnahme auf deinen präferierten Kanal konzentrieren. Schließlich macht dir das Spaß, führt zu Begeisterung und hat meistens auch weitere praktische Gründe (zum Beispiel dass du häufig länger Auto fährst).

Wenn du allerdings daran interessiert bist, dass sich aus dem Gehörten/Gelesenen/Geschriebenen anwendbares Wissen entwickelt, brauchst du ein multisensorisches Lernerlebnis dafür.
Dort endet dann der Konsum – und das eigentliche Lernen beginnt.