Lernen macht Spaß! Aber wir ziehen meist die falsche Schlussfolgerung daraus

Jede Art von Marketing für Learning Management Systeme, Lernsoftware, Serious Games, Learning Experience Platforms, Lernspiele für Kinder – eigentlich jede Art von Lernangebot – hat fast immer die gleiche Bildsprache: Fröhliche Menschen, denen ein Licht aufgeht. Menschen jeden Alters, die Freude beim Lernen empfinden. Weil wir ja wissen, dass Lernen und Begeisterung zusammengehören, das eine ohne das andere fast nicht funktioniert. Das ist absolut richtig. Wie ich in meinem Artikel über den Hippocampus geschrieben habe, ist Begeisterung eines der Hauptargumente, warum ich mir ein Erlebnis oder eine neue Erkenntnis überhaupt merken sollte. Die Schlussfolgerung daraus, die sehr viele Anbieter ziehen, liegt auf der Hand: Wir müssen unsere Lernsoftware, Plattform oder Lernspiel so gestalten, damit sie zu Begeisterung führt? Dann machen sich noch ein paar Verhaltenspsychologen Gedanken darüber, wie das „Engagement“ der Nutzer höher werden kann, dass sie auch wirklich jeden Tag oder jede Woche mit dem Tool spielen. Warum bleibt allerdings die Nutzungsdauer trotzdem sehr oft hinter den Erwartungen der Hersteller zurück? Warum denken wir uns als Nutzer oft: Ist ja ganz nett und lustig, aber nur weil es jetzt bunt und unterhaltsam ist und ich dort Punkte sammeln kann, möchte ich mich trotzdem nicht näher damit beschäftigen.

Was übersehen wir?

Wenn das Saatkorn auf die Wiese fällt, wird keine Pflanze draus

Lernen geht im Idealfall immer von einer so genannten Emotionalen Labilisierung aus. Das bedeutet, dass ich erst einmal gespürt haben muss, dass meine bisherige Denkweise mich in der aktuellen Situation nicht weiterbringt. Ich muss erleben, dass ich mit meiner bisherigen Kompetenz an Grenzen stoße. Dafür reicht es nicht aus, dass mir jemand versucht zu erklären, was ich alles nicht kann. Denn im Zweifelsfall finde ich genug Argumente um seine Anschuldigungen zu widerlegen (wenn auch nur im Verborgenen). Im Kompetenzstufenmodell von Noel Burch geht es um die Stufe „Bewusste Inkompetenz“. Ouch! Das tut wirklich weh. Manchmal physisch, manchmal nur im Kopf. So oder so bedeutet es, dass ich mir selbst meiner eigenen Inkompetenz in einer bestimmten Situation bewusst werde. Ein Beispiel dafür wäre die Erfahrung, dass meine Zuhörer immer einschlafen, wenn ich ihnen den Bericht meiner Arbeit vorstelle. Das kann viele Gründe haben, kann aber möglicherweise an der Art und Weise meiner Vorstellung liegen.

Willkommen im Chaos

Unser Gehirn strebt konstant einen möglichst energiearmen Zustand an, die so genannte Kohärenz. In der Kohärenz ist alles im Gleichgewicht – die Welt ist heil und ich kann zufrieden sein. Außerdem brauche ich nicht viel Energie, was uns natürlich evolutionsbiologisch immer schon am liebsten war. Werde ich mir allerdings in meinem eigenen Handeln meiner eigenen Inkompetenz bewusst – egal in welchem Feld – droht dieses harmonische Gleichgewicht zu kippen. Die erste Reaktion ist in der Regel Vermeidung: Die anderen sind selber schuld, dass sie in meiner Präsentation einschlafen. Der Tennisschläger ist schuld, dass ich den Ball nie innerhalb vom Feld platzieren kann. Doofer Tennisschläger! Wer Kinder beim Lernen begleitet und beobachtet, weiß warum man in diesem Moment von emotionaler Labilisierung spricht. Nicht selten ist dieser Moment mit Tränen, Wut und emotionalen Turbulenzen verbunden. Das schöne, angenehme Gleichgewicht weicht einem kleinen Sturm – jetzt ist alles möglich.

Neurons that fire together, wire together

Die Hebb’sche Regel ist wahrscheinlich das am meisten erwähnte Zitat aus der Neurobiologie. Darüber findest du auch etwas in meinem Beitrag über Lerntypen.

Wenn Neuronen gemeinsam aktiv sind, steigt die Tendenz, dass sie sich miteinander verbinden. Die Emotionale Labilisierung führt erst einmal zu einer eher chaotischen Herangehensweise: wir probieren aus. Ohne institutionalisierte Bildung würden wir einfach erst mal „herumspielen“, „experimentieren“. Vorausgesetzt, ich habe ein Interesse, das vorliegende Problem auch zu lösen. Wenn meine Unzufriedenheit mit meiner Inkompetenz dazu führt, dass ich mich ganz vom Problem abwende – gehe ich vom Chaos wieder zurück in meine vorherige Kohärenz. Ich bleibe in der Komfortzone – und mache es mir dort gemütlich. „Ist mir egal, Tennis ist sowieso doof.“

Lasse ich mich auf die Herausforderung ein, werde ich im Chaos irgendwann Ordnung entdecken. Ich finde Hypothesen und versuche sie zu belegen. Oft erlebe ich dabei wieder Rückschläge – aber irgendwann bin ich auf dem richtigen Weg. Dann sind irgendwann die richtigen Neuronen gleichzeitig aktiv und ich komme heraus aus der unbewussten Inkompetenz in die bewusste Kompetenz.

Jetzt ist Zeit für ein Feuerwerk

Stell dir ein Feuerwerk vor – so ein richtig großes, buntes, das alle Menschen, die es sehen können in Staunen versetzt. Weit aufgerissene Augen, heruntergefallene Kinnladen, pures Staunen. Das findet gerade im Kopf des kleinen Mädchens statt, das, noch Tränen in den Augen vom vorherigen Chaos, plötzlich unendlich strahlt als es zum ersten Mal den hohen Ast am Baum erklommen hat. Das ist Begeisterung. Das findet statt, wenn wir Lösungen für Probleme finden, die vorher unlösbar schienen. Dafür braucht es keine Gamification, keine bunten Animationen, keinen Engagement-Profi. Das erleben wir immer dann, wenn wir wirklich Wesentliches lernen und lernen dürfen. Je größer vorher das Chaos, desto ungebrochener ist die Begeisterung.

Und jetzt?

Lernen macht Spaß. Das Lösen von Problemen führt unweigerlich zu Begeisterung. Wenn wir „Lernen“ absichtlich so gestalten, dass es „Spaß macht“, tun wir das meistens, um den Inhalt für die Lernenden möglichst „attraktiv“ zu gestalten.

Hast du Hunger?

Nein, danke. Ich bin gerade echt satt.

Aber ich hab dein Lieblingsessen gemacht. Riechst du wie lecker das riecht?

Oh das riecht echt gut! Aber wie gesagt, ich bin gerade echt zufrieden, so wie es ist.

Aber schau es dir doch mal an. Mh. stochert mit dem Löffel im Essen herum. Und schau was der Käse für Fäden zieht. oh lecker.

Da hast du dir wirklich Mühe gegeben. Ich probiere vielleicht mal einen Löffel.

Magst du nicht mehr? Ich habe extra so viel gemacht, weil ich doch weiß, dass du das genau so liebst.

Nein, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Später vielleicht gerne – ich habe ja nicht mal Hunger.

Wir geben den Zustand der Kohärenz nicht auf, wenn wir nicht erkennen, zu welchem Zweck. Erst die unbequeme Erfahrung befeuert das Gehirn, etwas am aktuellen Zustand zu ändern. Dann kann Begeisterung stattfinden – sie muss aber nicht extern erzeugt werden. Lasst uns das nicht vergessen!